Das Projekt „Patenklasse Ruthund Ursula“

„Zur Erinnerung an deine Freundin Ruth“– Im Jahr 1937, vier Jahre vor der Deportation der Familie Jacobs in verschiedene Konzentrationslager, schrieb das jüdische Mädchen Ruth Jacobs aus der Simrockstraße 9 diesen Gruß in das Poesiealbum ihrer Freundin Gertrud. Für unser Seminarfach Spurensuche wurde dieser Gruß zum Motto, um die Geschichte der Familie aus unserer Schulstraße zu erforschen. Die Eltern Siegfried und Lucie Jacobs hatten ihren Töchtern Eva Ruth und Ursula Helene sprechende Namen gegeben, die jüdische Identität und das Leben mit dem Christentum in der modernen Welt der Weimarer Republik zum Ausdruck brachten. Deshalb nennen wir unser Projekt „Patenklasse Ruth und Ursula“. Aus verschiedenen Archiven ermittelten wir zwei Aktenordner Dokumente, um die Geschichte der Familie zu verstehen. 

Am 7. Oktober 2011 war es dann soweit: Die gesamte Schülerschaft hatteden Betrag von 1000 Euro für fünf Stolpersteineund eine Informationstafel gesammelt! Zur Erinnerung an die beiden Jacobs-Mädchen, an ihre Eltern und ihre Großmutter wurden in einer feierlichen Zeremonie die Stolpersteine verlegt und die Informationstafel an der Schulwand eingeweiht. Seitdem übernimmt jeweils eine Patenklasse die Pflege der kleinen Messingtafeln auf dem Gehweg vor der Simrockstraße 9 gegenüber unserer Schule.

Von der Schülerfreundschaft zur Verfolgung: Die Geschichte der Familie Jacobs

Als die Familie des einfachen Weinhändlers Siegfried Jacobs und seiner Frau Lucie 1927 in einen der schmucken Neubauten in der Simrockstraße zog, schien die Welt noch in Ordnung zu sein. Die Mädchen Ruth und Ursula fanden in ihren Mitschülerinnen Freundinnen. Ab 1933 setzten Hänseleien ein, und die Eltern reagierten. Die Mädchen besuchten ab 1937 die jüdische Schule in der Ohestraße. Nach den Novemberpogromen 1938 versuchte der Familienvater, eine Ausreise nach Belgien zu organisieren, aber er konnte seine Familie nicht nach Brüssel nachholen. 1941 beginnen die Mädchen eine Ausbildung in Hamburg, mit dem Ziel der Ausreise, aber das wird nicht mehr möglich. Am 15.12.1941 wurden die Frauen der Familie in das Ghetto Riga deportiert, und im KZ Stutthof verliert sich ihre Spur. Siegfried Jacobs wird 1943 im KZ Auschwitz ermordet. 

 

Unser Erinnerungsprojekt

Jedes Jahr übernehmen eine oder zwei Lerngruppen eine Patenschaft für die Stolpersteine. Das kann in Unterrichtsfächern wie Geschichte, Religion, Kunst oder Deutschgeschehen.Die Klasse informiertsich über die Geschichte der Familie Jacobs. Sie pflegt dieStolpersteine mit einem Messing-Pflegemittel und überlegt eigene kleine Projekte. 

Am Schuljahresende übergibtdie Patenklassedas Projekt an eine neue Lerngruppe.