Clara wählt Latein - Eine Kurzgeschichte

Sophie gab ein enttäuschtes Seufzen von sich, als sie in ihre Brotdose sah. Clara, ihre Freundin, beugte sich demonstrativ ebenfalls über die Box: „Wieder kein Nutellabrot?“ Sie konnte sich ein spitzbübisches Grinsen nicht verkneifen. Sophie gab ein knurrendes „Nein“ von sich und holte eine Reihe von gelben Paprikastücken heraus, an denen sie zu knabbern begann.

Clara und Sophie hatten sich einen Platz auf der Rundbank um einen Baum, die zentral auf dem Schulhof der St. Ursula Schule stand, ergattert. Um sie herum tobten die verschiedenen Schüler aus den unterschiedlich(st)en Jahrgängen. Das große Klettergerüst war wie in jeder Pause voll mit ihren Klassenkameraden aus dem 5. Jahrgang.

Beide Mädchen gingen in dieselbe Klasse 5 an der Schule – sie kannten sich bereits aus Grundschulzeiten, und natürlich saßen sie auch im Klassenraum nebeneinander. Zumindest so lange bis ein neuer Sitzplan, der von ihren Klassenlehrern ausgeheckt wurde, sie trennen würde. Clara sah dem gelassen entgegen – Hauptsache nicht ein Sitzplan ‚Mädchen neben Junge‘.

Normalerweise waren beide in den Pausen auch auf dem Schulhof unterwegs – einfach nur um sich etwas zu bewegen oder die ersten frühlingshaften Sonnenstrahlen zu genießen. Doch heute fühlten sich beide irgendwie platt: In den ersten beiden Blöcken, wo sie normalerweise Geschichte und Deutsch gehabt hätten, was an sich schon anstrengend genug war, hatte heute der Schnupperunterricht für die Fächer Französisch und Latein stattgefunden, nachdem am Tag zuvor sich bereits Spanisch vorgestellt hatte.

Es war schon länger klar gewesen, dass nun bald die Wahl der zweiten Fremdsprache anstand. Englisch hatten sie ja bereits jetzt in der fünften Klasse, die meisten von ihnen sogar schon seit der Grundschule. Doch für das nächste Jahr musste nun die neue Sprache gewählt werden – die man dann immerhin bis zur 11. Klasse lernen musste. Bis zur elften Klasse – für Clara schien das eine Unendlichkeit. Wenn sie nun die falsche Wahl träfe…nicht auszudenken!

Am Tag der offenen Tür(e) hatte sie sich bereits die einzelnen Räume für die Sprachen angesehen und sich ehrlich gesagt auch irgendwie „durchgefuttert“: Bei allen Sprachen hatte es etwas Leckeres zu essen gegeben. Ihre Eltern hatten sich dann noch bei den einzelnen Lehrern Informationen geholt – einen Elternabend hatte es wohl vor ein paar Wochen zu dem Thema auch gegeben.

Dennoch wusste Clara nach wie vor nicht, welche Sprache sie wählen sollte…

„He, Clara!“, Sophie rempelte sie an und Clara wurde aus ihren Gedanken gerissen. „Geht dir der Schnupperunterricht noch im Kopf rum?“

Das blonde Mädchen nickte: „Ich bin mir einfach noch nicht so sicher…“

„Ach!“, winkte Sophie ab, „bei mir ist das klar! Wir haben Verwandte in Frankreich, da lerne ich natürlich Französisch!“

„Ich war noch nie in Frankreich…“, gab Clara leise zu.

„Und was sagen deine Eltern dazu?“

Sophie wischte sich eine Strähne ihres pechschwarzen Haares aus dem Gesicht, griff mit einem leicht angewiderten Gesichtsausdruck erneut in die Brotbox und fischte eine Karotte hervor, die sie langsam zu essen begann.

„Naja. Mein Vater hatte Latein auf der Schule und hat gleich gesagt, dass das super ätzend war und ich das auf gar keinen Fall machen solle…“

Sophie nickte mit einem gespielt ernsten Gesichtsausdruck.

„Aber als er dann gesehen hat, wie das heutzutage unterrichtet wird, fand er es dann doch gut.“

Mit einem Knacken biss Sophie ein Stück von der Karotte ab und fragte mit vollem Mund: „Und deine Mutter?“

„Die hatte Französisch – aber sie sagt immer, man soll das wählen, wozu man Lust hat.“

Sophie schwang die abgebissene Möhre wie einen Dirigentenstab: „Also keine Hilfe!“

Clara nickte.

„Und was ist mit Max?“, Sophies Augen leuchteten verschmitzt auf. „Was sagt dein großer Lieblingsbruder?“

„Der hat ja Spanisch. Aber er ist auf einer anderen Schule und irgendwie in allen Fächern nicht so toll und er ist…“

„…eben Max“, vollendete Sophie, und beide Mädchen mussten lachen.

Als sie sich beruhigt hatten, nahm Clara einen Schluck Wasser aus ihrer Flasche: „Ich bin einfach nicht so der Typ für in-anderen-Sprachen-Reden…du weißt doch, wie ich mich in Englisch anstelle!“ _ Sie schaute etwas betrübt.

Sophie grinste von einem Ohr zum anderen: „Clara, du musst an deinem Ti-Eitsch arbeiten“, äffte sie die Englischlehrerin nach. Wieder mussten sie lachen.

„Außerdem, wenn das stimmt, dass Latein logisch aufgebaut ist und klaren Regeln folgt – finde ich das ziemlich gut.“

„Hmmm…aber mit Sprachaustausch ist da nicht viel…“, gab Sophie zu bedenken.

„Ja, aber es ist ja auch nicht so, dass da gar nichts geboten wird.“

„Stimmt! Und du bist ja sowieso die Geschichtsinteressierte von uns beiden! Ich verstehe wirklich nicht, wie man Mathematik und Geschichte so mögen kann. Ich verstehe das eine nicht und das andere finde ich langweilig “, lachte Sophie.

„Naja, du hast doch auch Lieblingsfächer…“

Sophie vollführte eine übertriebene Denker-Pose: „Lass mich überlegen…Sport?“

Plötzlich flog ein Schaumstoffball, mit dem Schüler auf dem Hof Fußball spielten, über die Köpfe der Mädchen hinweg, so dass sich beide reflexartig ducken mussten.

Ein Junge aus dem sechsten Jahrgang lief an ihnen vorbei und rief laut: „Tschuldigung!“, was beide nur mit einem gefauchten „Pass doch auf“ beantworteten.

Sophie wandte sich erneut an Clara: „Aber mal im Ernst – ich stelle mir Latein unglaublich öde vor… Vokabeln, Grammatik, die ollen Texte…“

„Sophie, ich will dich nicht enttäuschen, aber in Französisch lernst du auch Vokabeln und Grammatik.“

„Punkt für dich.“, gab diese zu.

„Und ja…die Texte sind über antike Themen – aber spannend sind sie allemal!“

„Mythen, Götter und Sagen – Intrigen, Liebe, Krieg und Abenteuer!“, dröhnte Sophie, „…quasi eine antike Netflix-Serie!“

Clara nickte durchaus zustimmend.

„Ich sehe schon, du verteidigst Latein ja schon gegen meine Witze!“

Ihre Freundin lächelte.

Sophie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr, die sie nur in der Schule trug, weil den Klassen fünf und sechs die Benutzung des Smartphones verboten war. Ein wenig Zeit hatten die beiden noch – also griff sie erneut in die Box und holte als Krönung der Pause ein Stück Gurke hervor. Was hatte sich ihre Mutter nur bei diesem Pausenmenü gedacht!

Clara sah ihren fragenden Blick und stichelte: „Mag dich deine Mama zurzeit nicht?“

Beide lachten wieder.

„Tja, trotzdem spricht niemand Latein – wozu also die Sprache lernen?“

„Meine Mama sagt, mit Latein als Grundlage kann man andere Sprachen leichter lernen.“

Sophie packte nach einem Biss den Rest der Gurke wieder in die Box.

„Danach noch ne Sprache lernen? Auf gar keinen Fall…! Und dieses Latinum braucht man heute auch nicht mehr.“

„Hmm…“, brummte Clara. Ihre Mutter hatte auch gesagt, dass man das Latinum heute nicht mehr bräuchte, aber dass es doch irgendwie toll sei, so einen Abschluss zu haben. Aber dieses Ding bekam man ja erst nach Klasse zehn! Für Clara, die die nächsten Ferien kaum erwarten konnte, eine verdammt lange Zeit.

Eine Lehrerin, die Pausenaufsicht hatte, ging an ihnen vorbei und nickte ihnen freundlich zu – sie hatten sie in Biologie.

„Ich glaube, man sollte eine Sprache nicht wegen eines Abschlusses lernen oder eines Austausches oder einer Klassenfahrt, die irgendwann stattfindet – sondern, weil man sie gut findet und sie zu einem passt.“

Sophie nickte anerkennend: „Na dann…“

Sie wurde vom Pausen-Endläuten unterbrochen.

„Lass uns reingehen!“, meinte Clara und sprang auf.

Wie immer war am Ende der Pause der große Trubel ausgebrochen und die Kinder strömten zurück in die einzelnen Trakte der Schule. Sophie und Clara reihten sich in den Pulk der Schüler vor dem D-Gebäude ein. In diesem Gebäude hatten vor allem die fünften und sechsten Klassen ihre Räume. Sie erkannten ihre Englischlehrerin, die heute wohl Aufsicht am Trakteingang hatte, und grüßten sie.

Während des Anstehens meinte dann Sophie: „Dann hast du dich ja wohl doch schon entschieden?“

Clara nickte zögerlich.

„Also ich finde, das passt zu dir!“ Sophie sah, wie Claras Gesicht zu strahlen begann.

„Dann bleibt nur ein Problem!“, grinste Sophie, „Wie kriege ich meine Mutter dazu, mir morgen ein vernünftiges Pausenbrot zu machen!“

Lachend gingen beide Mädchen ins Gebäude.