St. Ursula-Schule Hannover

Wahnsinn, Genialität, Arroganz oder Zumutung? Eine Theaterkritik

Wahnsinn, Genialität, Arroganz oder Zumutung??? Welche Formulierung trifft den Versuch, das Drama „Emilia Galotti“ von G. E. Lessing auf die heutige Zeit zu beziehen?

Ein Name steht für so ein Wagnis: Regisseur Wilfried Minks. Dieser Mann versuchte im Schauspielhaus Hannover etwas Neues. Ganz aktuell präsentiert er nun die alte Geschichte des bürgerlichen Mädchens Emilia Galotti (Picco von Groote), die zur Bindung mit dem Grafen Appiani (Christoph Franken) versprochen ist, doch durch die Begierde des Prinzen Hettore Gonzaga (Daniel Lommatzsch) und dessen Machenschaften, die sein skrupelloser Handlanger Marchese Marinelli (Torsten Ranft) ausdenkt, am Hochzeitstage an der Heirat gehindert wird und so in ein schicksalhaftes Netz der Intrige voll Hinterlist und Mord getrieben wird.

Der Autor Gotthold Ephraim Lessing spricht in diesem Drama kritische Themen seiner Zeit an. Es geht um die Unterdrückung des Bürgertums, die patriarchalischen Familienstrukturen und die aufstrebende Emanzipation der Frau. Aber inwiefern treffen diese Aspekte auch auf die heutige Zeit zu, denn seit dem 18. Jahrhundert haben sich die Lebensweisen und Auffassungen der Menschen radikal verändert – oder etwa nicht?

Wie kann man ein altes Stück modern gestalten? Die Antwort lautet, dass eine moderne Gestaltung nur durch das Theater und die dort angewandten Mittel entstehen kann.

Die Vorstellung im Schauspielhaus Hannover am 3. Juli 2007 hat zunächst gezeigt, dass eine moderne Gestaltung besonders gut durch die passenden Kostüme (Ina Peichl) der Akteure gelungen ist. Vor Beginn der Vorführung erwartete man vielleicht einen Prinzen, der im höfischen Gewand auftritt, doch statt dessen erschien er in einer goldenen Hose mit einem weißen Hemd und einem breiten, braunen Ledergürtel. Aber nicht nur der Prinz, sondern auch andere Figuren, wie Emilia und Orsina, waren in gut gewählte Kostüme gekleidet, die den Ansprüchen eines jungen Publikums entsprachen. Ein besonderes Augenmerk erregte die übergroße Schleife, mal schwarz, mal poppig rot, die auf Emilias Rücken gebunden war – sie machte Emilia metaphorisch zu einem Geschenk, das hin und her geschoben wird, von den Eltern zu Appiani, von Marinelli zum Prinzen.

Des Weiteren wurden die Hauptrollen, wie Emilia Galotti und der Prinz, von jungen Schauspielern gespielt, sodass eine Identifikation des jungen Publikums mit den Schauspielern besser zu Stande kommen konnte. Hier kann man sich fragen, ob Figuren wie der Kammerherr Marinelli durch die Wahl des recht historisch wirkenden Kostüms und ihr durch Ruhe vorgespieltes Alter bei der Modernisierung wohl vergessen wurden. Denn im Gegensatz zum Prinzen war Marinelli mit einem grauen Rock, fast so, wie er im 18. Jahrhundert getragen wurde, bekleidet. Diese gewählte Darstellung des Marinelli kann aber auch bedeuten, dass der Regisseur sich auf die Hauptaussage und die Hauptdarsteller des Stückes konzentrieren wollte. Die übrigen Akteure hätten diesen fließenden Verlauf des Dramas womöglich durch eine hervorgehobene Erscheinung nur gestört und die Spannung aus dem Stück genommen.

Allgemein lässt sich aber sagen, dass die Schauspieler ihre Rollen authentisch und nachvollziehbar spielten. Besonders ist zu bemerken, dass die Auftritte, in denen Emilia und der Prinz vorkamen, aber auch Orsina als „Vamp“ ein besonderes Interesse bei dem jugendlichen Publikum weckten.

Dieses Interesse wurde wiederum verstärkt durch das schlicht gehaltene Bühnenbild, denn so wurde eine Ablenkung verhindert und die Konzentration des Publikums richtete sich vor Allem auf die Charaktere und die Handlung. Auch die darstellerischen Fähigkeiten der Schauspieler traten so prägnant hervor.

Das Bühnenbild zeigte im Zentrum eine teilbare, weißgraue Wand mit verschiedenen, aussagekräftigen Schriftzügen zu den Handlungsmotiven der Figuren, zum Beispiel: BLUT und VERFÜHRUNG, GNADE, RACHE und UNSCHULD. Dass Begierde und Leidenschaften auch heute die Gemüter bewegen, darauf wies das riesige, mehrere Meter Kantenlänge messende Porträt Orsinas im fotorealistischem Stil hin – Orsina, eine von uns? Das Publikum wird erinnert an die großformatigen Porträts von Bohemiens und Künstlerkollegen aus der Hippieära aus der Feder von Franz Gertsch, der damit in den 1970er Jahren der Gesellschaft einen Spiegel vorhielt.

Des Weiteren hatte die Wand, wie gesagt, die Fähigkeit sich zu teilen und das Bühnenbild somit dezent in Bewegung zu setzen, sodass im Endeffekt zwar keine großartige Veränderung von statten ging, aber zumindest eine gewisse Variation geschah. Insgesamt war es jedoch ein eher unerwartetes Bühnenbild, da die Handlung zum Teil auf einem Schloss spielt und das Publikum zunächst auf ein entsprechendes Ambiente eingestellt sein mochte.

Wie schon zu erwarten war, entspricht die Aufführung des Dramentextes nicht exakt dem im Drama dargestellten Text. Die zahlreichen Auftritte sind oft verkürzt, was aber nur von Vorteil ist, denn auch dadurch können sich die Zuschauer besser auf die Hauptaussagen des Stückes konzentrieren.

Zum bitteren Ende ist zu sagen, dass die Aufführung nach dem langen vierten Aufzug dann doch mit dem Tode Emilias ein überraschend schnelles Ende findet. Dieses Ende kommt gegenüber dem dominanten Hauptteil (3. und 4. Aufzug) ein wenig schwach 'rüber. Der Zuschauer rechnet in der Endszene mit einem dramatischen Höhepunkt, er wird jedoch mit einem gefühlskargen Prinzen konfrontiert.

Zusammenfassend lässt sich trotz dieser kritischen Anmerkungen dennoch ein Erfolg für die Inszenierung verbuchen. Dieser Erfolg wurde auch durch die Reaktion des an diesem Abend so stark vertretenen jungen Publikums honoriert.

Im Großen und Ganzen ist diese Inszenierung als gelungen zu bezeichnen, obwohl die Aufmachung (Kostüme, Bühnenbild) und der altertümliche Sprachstil in Kontrast zueinander stehen.

Emilia Galotti ist ein altes Stück, das auf eine moderne, teilweise geradezu lustige und aufregende Art und Weise einen neuen Reiz findet und zum Anschauen einlädt!

(Laurent Fischer, Marco Hertlé, Sina Richter)

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